Ein Interview mit Ewan McGregor von Christian Lukas

Nach KLEINE MORDE UNTER FREUNDEN und TRAINSPOTTING stand Ewan McGregor in LEBE LIEBER UNGEWÖHNLICH zum dritten Mal unter der Regie von Danny Boyle vor der Kamera. Kurz vor dem anvisierten Bundesstart im Oktober 1997 (der Film startete dann aber erst im Januar 1998), unterhielt ich mich mit Ewan McGregor über diesen und einen anderen kleinen Film, dessen Dreharbeiten er gerade beendet hatte: STAR WARS - EPISODE 1
Sie werden als kommender Superstar gehandelt? Stehen Sie unter Erfolgsdruck?
Nein, Ich mache meine Arbeit und versuche keinesfalls, ein Image zu verkörpern. Alles, was ich will, ist eine gute Schauspielerarbeit abzuliefern, unabhängig davon, was für eine Rolle oder Klischee man von mir erwarten mag.

Das Image des Shooting Stars hat Ihnen bislang aber keinesfalls geschadet.
Natürlich vereinfacht es vieles, denn ich habe Angebote bekommen, von denen ich früher nicht einmal zu träumen gewagt hätte.

Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Rollen aus?
Nach Instinkt. Wenn mir ein Skript gefällt, dann mache ich den Film. Gefällt es mir nicht, lasse ich es bleiben.

Geld oder Honorationen spielen also keine Rolle?
Nein, denn wenn ich danach gehen würde, wäre ich bald wieder von der Bildfläche verschwunden, denn wer nur aufs Geld schaut, verliert den Sinn für die Qualität. Qualität aber garantiert eine dauernde Präsenz auf der Leinwand.

Dann war es also nicht das Geld, das Sie dazu verleitet hat, die Rolle des jungen Obi Wan Kenobis in den neuen STAR WARS-Filmen zu spielen?
STAR WARS ist eine ganz andere Filmkategorie. In STAR WARS mitspielen zu dürfen, das ist, als würde man Teil einer Legende werden. Und ganz ehrlich: Als George Lucas hat anfragen lassen, ob ich in STAR WARS mitspielen möchte, da habe ich doch nicht gesagt: "Uh, das muß ich mir noch einmal überlegen." Also bitte! Ich habe "Jaaaa, ich will" gesagt und dann den Vertrag unterschrieben, denn machen wir uns doch nicht vor: Es gibt nicht gigantischeres als STAR WARS.

Also freuen Sie sich auch auf die im Rahmen des STAR WARS-Merchandising garantiert erscheinenden Ewan McGregor - Actionfigur?
Ich finde das lustig. Wenn sie herauskommt, gehe ich erst einmal in einen Laden und kaufe eine Figur für meine kleine Tochter. Aber ganz ehrlich: Man darf sich eigentlich keine Gedanken über diese Dinge machen. All die Sachen, die um den Film herum verkauft werden sollen: Da geht es um Milliarden Dollar!

Haben Sie keine Angst, daß Sie nach STAR WARS auf die Rolle des aufrechten Sternenkriegers festgelegt sein werden?
Nein, ich mache weiter, wie bisher. Es gibt so viele gute Drehbücher für die unterschiedlichsten Filme. Meine nächsten drei Filme werden Low-Budget-Movies sein. Und wenn ich ein gutes Drehbuch aus Hollywood für einen Multi-Millionen-Dollar-Film bekomme, sage ich auch nicht nein. Außerdem brauche ich nach STAR WARS nicht in INDEPENDENCE DAY 2 mitzuspielen, nur um im Gespräch zu bleiben, denn ich werde mit STAR WARS in den größten Filmen mitgewirkt haben, die man sich überhaupt vorstellen kann.

Nach STAR WARS wird ihr Marktwert garantiert steigen.
Das ist klar, aber das bedeutet nicht, daß ich danach nur noch Filme machen, für die ich ein Mindesthonorar bekomme. Damit würde ich mir die Chance nehmen, in kleinen, aber guten Filmen mitzuspielen. In einem kleinen Film muß ich mich eben mit dem zufrieden geben, was für mich drin ist. Was nicht heißt, daß ich bei einem 50-Millionen-Dollar-Film meinem Marktwert nicht einzuschätzen wüßte...

Wie bereiten Sie sich auf eine Rolle vor?
Das kommt auf die Rolle an. Für TRAINSPOTTING habe ich sehr viel Recherche betrieben, denn ich mußte ja wissen, welche Effekte Drogen auf den Körper ausüben. Es hat mich sehr viel Zeit gekostet, mich in diese Rolle glaubwürdig einarbeiten zu können. Aber, wie gesagt, es kommt auf die Rolle an. Für LEBE LIEBER UNGEWÖHNLICH brauchte ich keine Recherche betreiben.

Man wird Sie in Kürze in dem US-Remake des dänischen Spielfilms NACHTWACHE sehen. Sie sollen mit dem Film nicht zufrieden sein.
Ich bin tatsächlich etwas enttäuscht, denn auf Geheiß des Studios wurde der fertige Film noch einmal stark verändert. Es wurde viel herausgeschnitten, viele Szenen mußten neu gedreht werden, um ihn mehr und mehr dem Mainstream anzupassen. Ich habe nicht verstanbden, warum sie das getan haben. Warum holen sie erst den Regisseur aus Dänemark, damit dieser ihnen seinen Film ein zweites Mal macht, nur um sein fertiges Werk dann zu zerstören? Ich finde das sehr traurig.

Sie haben in LEBE LIEBER UNGEWÖHNLICH zum dritten Mal unter der Regie von Danny Boyle gearbeitet. Worauf beruht Ihre Verbindung?
Danny Boyle ist ein Mensch, der niemals die Beherrschung verliert. Er würde nie ein Crewmitglied anschreien oder jemanden herablassend behandeln. Dies schlägt sich während der Dreharbeiten sehr positiv nieder: Ich habe noch nie Crew gesehen, die so hart und konzentriert für ihren Chef arbeiten wie die von Danny. In einer solchen Atmosphäre zu arbeiten, ist sehr sehr angenehm.

Welche Bedeutung hat für Sie Improvisation?
Improvisation bedeutet nicht, das Drehbuch umzuschreiben. Das wäre Unsinn. Improvisation bedeutet für mich, im Rahmen einer Szene verschiedene Spielweisen ausprobieren zu können.


Anmerkung: Hier veröffentlicht mit der freundlichen Genehmigung von Christian Lukas. Christian Lukas ist der Autor der Deutschen Biographie Ewan McGregor. Sein Weg zu den Sternen - von Trainspotting bis Star Wars, 1999 erschienen beim Heyne-Verlag, München. Mehr über seine Bücher findet ihr hier.