"Bis auf den Grund seiner Seele."Um den exzentrischen Schriftsteller James Joyce spielen zu können, übernahm der schottische Schauspieler sogar die Produktion. Denn "Nora", die Geschichte der Joyce'schen Ehe, bedeutete ihm viel. Mehr als seine Welterfolge "Trainspotting" oder "Star Wars - Episode I". Für BRIGITTE sprach Karl-Heinz Schäfer mit Ewan McGregor über diese neue Herausforderung.
Es gibt da diese Regel, nach der man die Hand, die einen füttert, nicht beißen solte. Doch Regeln zu mißachte ist eine von Ewan (ausgesprochen: I-an) [sic!!!] McGregors leichtesten Übungen. Wenn er über Hollywood spricht, gerät der 29-jährige dermaßen in Rage, daß ihm seine gute Laune und Lässigkeit blitzschnell abhanden kommen. "Mist" werde in der Traumfabrik produziert, ereifert er sich. Wer dort wohne, lebe einen "langweiligen Valium-Lifestyle". Und überhaupt, die Dialoge aus seinem "Star Wars"-Film seien der absolute "Oberstuss" gewesen. Trotzdem, sagt er und lächelt plötzlich wieder lieb, habe er es nicht übers Herz gebracht, das seinem Regisseur und Drehbuchautor George Lucas offen ins Gesicht zu sagen. Denn in Wahrheit ist Ewan McGregor ein ganz Netter. Manchmal möchte er zwar noch der junge Wilde sein. Andererseits ist er inzwischen fast 30, hat Frau (die Französin Eve Mouvrakis [sic]) und Kind (Töchterchen Clara), war auf dem Cover des "Time"-Magazins (eine für Schauspieler äußerst seltene Ehre) und ist an einem Punkt seiner Karriere angelangt, an dem es lächerlich wirken würde, wenn sich einer immer noch wie ein pubertärer Mini-Revoluzzer aufführt. Und das weiß er selbst wohl am besten.
Denn sein neuer Film "Nora" (Start 31. August) über die leidenschaftliche Haßliebe des irischen Schriftstllers James Joyce und seiner Frau Nora zeigt einen erwachsenen Ewan McGregor. Mit unglaublicher Intensität spielt er einen von Eifersucht zerfressenen Exzentriker, der an der Liebe leidet, aber diese Leiden braucht, sie sogar herausfordert, um schreiben zu können. BRIGITTE: Lesen Sie gern? EWAN MCGREGOR: Offen gestanden habe ich erst mit Anfang 20 so richtig damit angefangen. Was die Klassiker der Weltliteratur angeht, bin ich ziemlich unbeschlagen. BRIGITTE: Womit vertreiben Sie sich denn bei Dreharbeiten die langen Pausen zwischen zwei Aufnahmen? EWAN: Da gucke ich haufenweise Filme auf Video. Mein Nachholbedarf ist enorm, weil ich viel zu selten ins Kino komme. Am Set von "Star Wars - Episode I" hatte ich allerdings einen dicken Familienroman aus China dabei. "Wilde Schwäne" hieß der glaube ich. BRIGITTE: Am Set Ihres neuen Films "Nora" hatten Sie wahrscheinlich kaum eine Minute Leerlauf. Immerhin ist es der erste Film, den Sie co-produziert haben. EWAN: Geplant war das nicht. Vor viereinhalb Jahren lernte ich die Regisseurin Pat Murphy kennen, die mir das fantastische Drehbuch zu "Nora" geschickt hatte. Ich war so begeistert, daß wir uns gleich hinsetzten und zusammen noch ein wenig am Buch feilten. Kurz vor Drehbeginn platzte die Finanzierung. Da habe ich den Film zu "Natural Nylon" mitgenommen. BRIGITTE: ... Ihrer eigenen Produktionsfirma, die Sie zusammen mit Freunden und Kollegen wie Jude Law, Jonny Lee Miller und Sadie Frost gegründet haben. EWAN: Wieder lief alles bestens, bis nach einer Weile überraschend unser amerikanischer Geldgeber ausstieg. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir aber schon so viel Kraft und Herzblut investiert, daß wir das Projekt unbedingt durchziehen wollten. Irgendwie ist es uns dann ja auch gelungen. Die Geldbeschaffung ist das Schrecklichste am Filmemachen. Zum Glück mußte ich mich nicht selbst darum kümmern. Ich kann mit Geld überhaupt nicht umgehen. BRIGITTE: Warum lag Ihnen "Nora" so sehr am Herzen? EWAN: Schwer zu sagen. Ich lese so viele Drehbücher, manche Ideen bleiben haften, andere nicht. Die Geschichte der Beziehung zwischen dem irischen Schriftsteller James Joyce und seiner Frau Nora hat mich einfach fasziniert. Sie küßten und schlugen sich im gleichen Atemzug. Und das über Jahrzehnte hinweg. Joyce verlangte von Nora, daß ihre Beziehung alles für sie sein sollte, sie wiederum brauchte ihren Freiraum und versuchte immer wieder, sich ihm zu entziehen. Genau genommen hat er sie ein Leben lang gequält, obwohl er sie abgöttisch liebte. Er ahnte wohl, daß er ohne sie verloren gewesen wäre. Übirgens bin ich überzeugt, daß ihre Beziehung gar nicht so außergewöhnlich war, sondern daß es den meisten Paaren ähnlich ergeht. Das macht die Geschichte für uns auch heute nochnachvollziehbar. BRIGITTE: Waren Sie mit James Joyce vertraut? EWAN: Überhaupt nicht. Ich hatte bis dahin kein einziges seiner Bücher gelesen. Pat meinte, das sei von Vorteil. Und verdonnerte mich zu Recherchen. BRIGITTE: Mußten Sie seine Bücher lesen? EWAN: Klar. Bei "Ulysses" bin ich ganz schnell wieder ausgestiegen. Aber "Dubliners" und "Ein Porträt des Künstlers als junger Mann" habe ich bis zur letzten Seite gelesen. BRIGITTE: Wie machten Sie sich mit dem Menschen James Joyce vertraut? EWAN: Ich las seine Briefe. Die sind enorm aufschlußreich. Besonders, wenn man darauf achtet, von wann sie datiert sind. Da gibt es die schönsten Liebesbriefe an Nora und - ganz bizarr - ein, zwei Tage später fürchterliche Tiraden voller Bitterkeit und Haß. Sehr intensiv habe ich mich auch mit einem Bildband über Joyce beschäftigt. Auf diesen alten Schwarzweiß-Fotos sieht man sehr schön die Wandlung vom jungen Mann zum Greis. Seine Aguen sprechen Bände. Bei manchen Aufnahmen hatte ich das Gefühl, bis auf den Grund seiner Seele blicken zu können. Nach allem, was ich jetzt über ihn weiß, bin ich froh, daß ich Joyce nicht persönlich gekannt habe. Er muß ein sehr schwieriger Mensch gewesen sein. Er wäre mr intellektuell haushoch überlegen gewesen und hätte mich garantiert in Grund und Boden geredet. BRIGITTE: Haben Sie zwischen Joyce und sich selbst Parallelen entdeckt? EWAN: Eigentlich nicht. Aber ich kann nachvollziehen, daß für ihn alles hinter dem Schreiben zurückstehen mußte. Er lebte 24 Stunden am Tag. 365 Tage im Jahr für seine kunst. Wenn ich einen Film drehe, geht es mir ähnlich. Da blende ich alles aus, was nichts damit zu tun hat, selbst wenn mich meine Familie an den Set begleitet. Dann existiert für mich nur noch die Arbeit. Wenn man die Schauspielerei ernst nimmt, bleibt einem, fürchte ich, keine andere Wahl. Doch im Gegensatz zu Joyce arbeite ich nur phasenweise so intensiv. Zum Glück gibt es auch lange Perioden, wo ich nur für meine Familie und Freunde da bin. Joyce hat jahrzehntelang unablässig für seine Kunst gelebt - ohne sichtbaren Erfolg, ohne daß seine Bücher überhaupt verlegt wurden. Und da war niemand, der ihn, so wie mir, ab und zu auf die Schulter klopfte und sagte: Hey, Alter, gut gemacht! BRIGITTE: "Nora" ist Ihre erste Zusammenarbeit mit einer Regisseurin. EWAN: Ja, unglaublich. Dabei drehe ich schon seit 1992 Filme. Es war eine ausgesprochen angenehme Erfahrung. BRIGITTE: Wieso? EWAN: Mit Pat lief alles sehr geradlinig und entspannt, besonders bei wichtigen Diskussionen. Ich hasse Pauschalurteile, aber Männer auf dem Regiestuhl führen sich häufig auf wie Diktatioren. Da mußt du kategorisch das machen, was sie befehlen. Bei vielen Regisseuren hatte ich den Verdacht, daß sie meine Rolle am liebsten selbst gespielt hätten. Dieses Bedürftnis hatte Pat natürlich nicht. BRIGITTE: Sie gab Ihnen volles Mitspracherecht? EWAN: Absolut. Nach Drehschluß mußte ich sofort nach Sydney fliegen für das Filmmusical "Moulin Rouge" mit Nicole Kidman. Die Dreharbeiten dort zogen sich acht Monate in die Länge. Deshalb schickte Pat mir regelmäßig die neueste Schnittfassung nach Australien, und ich machte per E-mail meine Anmerkungen und Änderungsvorschläge. Zum ersten Mal war ich wirklich am Entstehungsprozeß eines Films beteiligt und habe nicht nur mein Gesicht vor die Kamera gehalten. BRIGITTE: Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden? EWAN: Es hat meine Erwartungen übertroffen. Von all meinen Filmen ist "Nora" derjenige, auf den ich am stolzesten bin. Nicht nur, weil ich finde, daß er eine Seele hat. Es gibt noch einen anderen, sehr speziellen Grund. Als Pat Murphy nach der Londoner Premiere auf die Bühne kam und ich sah, wie sie den Applaus genoß - das war ein wunderbarer Moment. Pat hatte das Projekt mit ihrem Lebensgefährten begonnen, der dann zwischenzeitlich starb. Eine Weile war sie völlig desorientiert und wußte nicht, wie es mit ihr weitergehen sollte. Zuletzt entschied sie, das Projekt allein fortzusetzen. An diesem Premierenabend wirkte sie so unglaublich lebendig. Ich glaube, unser Film hat ihr bei der Trauerarbeit geholfen und dazu beigetragen, daß ihr Herz wieder ein wenig heilen konnte. Als nächstes drehen Sie "Star Wars: Episode II". Wissen Sie schon, welche Bücher Sie einpacken werden? EWAN: Vielleicht einen englischen Klassiker. Irgendwas von Charles Dickens. Ich habe gerade seine "Pickwick Papers" gelesen. Mit Jane Austen kann ich rein gar nichts anfangen. Aber Dickens ist absolut genial! |