CINEMA - September 2000

The Wild Thing

Ewan McGregor glänzt im Kino zurzeit als Dichter-Genie James Joyce in "Nora" und bald als Spion in "Eye of the Beholder". Ein Mann, der das Bäumchen-wechsel-dich-Spiel liebt - und das nicht nur im Film...
Die Hauptsache ist immer das Bier. Beim Interview steht's vor ihm, bei Partys wird's literweise vernichtet, und am Set von "Star Wars" half es ihm, das Laserschwert gegen den finsteren Darth Maul zu erheben. Hopfen und Malz sind bei Ewan McGregor immer dabei. "Have a good time, all the time," das sei eine schottische Lebensregel, die er schon als Kind verinnerlicht habe, begründet der 29-jährige mit frechem Grinsen seinen lockeren Lebenswandel. Der Schauspieler ist dafür berüchtigt. Mal wird ein Interview von heftigen Brechanfällen unterbrochen, mal muss gar der Arzt kommen. Ewan nimmt's als gottgegeben und fragt: "Wo waren wir stehen geblieben?" Der Lehrersohn aus dem verschlafenen Crieff macht die Dinge auf seine Weise. Er kann nicht anders. Denn McGregor, der sich mit Filmen wie "Trainspotting - Neue Helden" in die erste Liga der internationalen Filmstars spielte, nimmt seinen Job wörtlich: als Spiel.
   Ewan sieht seinen Beruf als "tolles Entkommen von vom jämmerlichen Selbst". Seit seiner ersten Rolle in der britischen TV-Serie "Lippenstift an deinem Kragen" probierte er so viele fremde Ichs aus wie möglich. Er war der Junkie Mark in "Trainspotting" (1996), der unglücklich verliebte Posaunenspieler in der Bergarbeiterkapelle von "Brassed Off - Mit Pauken und Trompeten" (1996), der windige Aktienbroker Nick Leeson in "High Speed Money" (1999). Ewan hat es zur sportlichen Herausforderung erhoben, als nächstes stets das zu machen, was niemand erwartete. Mit "Kleine Morde Unter Freunden" und "Trainspotting" zum Inbegriff des neuen britischen Films geworden, schmiss er sich für den Kostümstreifen "Emma" in Frack und Perücke. Dann warf er sich unter dem Geheul seiner Fans die Kutte des jungen Obi-Wan Kenobi in "Star Wars: Episode 1 - Die dunkle Bedrohung" über. Zurzeit überrascht er als Dichter James Joyce in "Nora" und demnächst als Überwachungsspezialist in "Eye of the Beholder".
    Aber auch im Privatleben erstaunt Ewan: Kaum war er als saufseliges Partytier verschrien, heiratete er 1995 die französische Produktionsdesignerin Eve Mouvrakis [sic], bekam mit ihr Tochter Clara (4) und kaufte ein Haus im Norden von London.
   Dennoch bleibt Ewan ein Rebell und ein Star, der die Gesetze des Glamours ignoriert - oder sich lustvoll über sie hinwegsetzt. Der hysterischen Hollywood-Regel, full frontal nudity zu vermeiden, zeigte Ewan den nackten Hintern. In Peter Greenaways "Die Bettlektüre" ließ er sich den ganzen Körper, inklusive Geschlechtsteil, von einer Frau bemalen. "Das gab mir ein ungeheures Gefühl der Macht," sagt er. "Normalerweise wirst du für so was verhaftet - ich lasse mich dafür bezahlen!" In "Velvet Goldmine" ließ er nicht nur die Hosen runter, sondern auch glaich sein bestes Stück vor dem Publikum schlackern. "Ich bin fast in jedem meiner Filme nackt" strahlt Ewan. "Ich werd's mir vertraglich zusichern lassen!" Momentan, sagt er bierernst, warte er noch auf die passende Gelegenheit, mitten in "Star Wars: Episode II" seine Jedi-Kutte fallen zu lassen und "mein echtes Laserschwert hervorzuholen."
   Obwohl er von seinen Eltern mitten im erzkatholischen Schottland "ohne Religion erzogen" wurde, durchlebt er mit vierzehn eine religiöse Phase. "Ich war plötzlich ein sehr, sehr christlicher Mensch. Glücklicherweise habe ich das Ganze aber schon bald darauf durchschaut." Die Läuterung kommt während einer Predigt über die Sünde der Masturbation, die der Vater eines Freundes hält. "Ich wusste", sagt Ewan, "dass dieser Mann seinen Sohn verprügelt. Da dachte ich mir: Fuck you!" Ende des Themas Kirche. Mit sechzehn schmeißt er die Schule, um ans Theater zu gehen. Als Hilfskraft schnuppert er erstmals Bühnenluft. Während sein älterer Bruder Colin als Pilot der Royal Air Force Karriere macht, rackert sich Ewan sechs Monate lang an den Seilzügen des Perth Theatre ab. Lohn der Mühen: ein erster Auftritt als Turbanträger in der Aufführung von "Passage To India". Doch das reicht nicht.

Ewan zieht weiter auf die Schauspielschule nach Kirkaldy, und als ihm das auch zu klein scheint, beschließt er, sich an der Guildhall School of Music and Drama in London zu bewerben. Mit professioneller Schützenhilfe schafft er die Aufnahmeprüfung: Ewans Onkel Denis Lawson, den Klein-Ewan einst als "Star Wars"-Krieger Wedge Antilles auf der Leinwand bewundert hat, probt mit ihm. Der Glamour, den der Onkel versprühte, wenn er in den Siebzigern barfuß und in wallenden Gewändern in Crieff einfiel und die Leute mit Blumen beschenkte, reizte Ewan. Auch wenn er den Starrummel bis heute nicht so richtig ernst nehmen kann. Stattdessen macht er sich gern über die mangelnde Trinkfestigkeit der Amerikaner lustig. Und Hollywoods Selbstbeweihräucherung wie die Oscar-Verleihungen sind für Ewan nichts als "selbstherrlicher Nonsens. Übrigens würde ich überschnappen vor Freude, wenn ich je einen kriegen sollte!" Aber sie kann ihn auch in Rage bringen, diese seelenlose Studiowelt, in der Dollars alles sind und Kunst nichts. Als ihm ein US-Agent riet, stets zwei Filme für sich und zwei fürs Geschäft zu drehen, wandte Ewan sich angewidert ab. "Totaler Quatsch!" sagt er aufgebracht. "Man macht jeden Film, weil man gute Arbeit abliefern will!"
   Deshalb erboste es ihn auch so, als seine alten Kumpels, Regisseur Danny Boyle, Autor John Hodge und Produzent Andrew MacDonald, mit denen er "Trainspotting" und "Lebe Lieber Ungewöhnlich" gedreht hatte, ihr größtes Projekt ohne ihn angingen. Ausgerechnet mit Leonardo DiCaprio drehten sie in Thailand "The Beach". Ewan:"Ich fühlte mich betrogen, und ich hatte eine Menge finsterer Gedanken. Als wir noch einfache Kumpels waren, ging's nie ums Geld, sondern darum, intelligente Filme zu machen. Irgendwas ist wohl im Laufe der Zeit verloren gegangen." Um selbst intelligente Filme machen zu können, gründete Ewan mit seinem ehemaligen Mitbewohner Jude Law, dessen Frau Sadie Frost und zwei weiteren Schauspielkollegen, Sean Pertwee und Jonny Lee Miller, die Produktionsfirma Natural Nylon. "Wir wollen Filme auf unsere Art machen und nicht irgendwelchen Konventionen folgen", sagt Ewan, der bei "Nora" nun erstmals auch als Co-Produzent auftritt.

Muss er da nicht im September mit gemischten Gefühlen an den Set von "Star Wars" zurückkehren? Schließlich hatte er schon nach dem ersten Mal geklagt, seine Arbeit bestehe vor allem darin, hinter Liam Neeson zu stehen. Doch Ewan winkt ab. "'Nora' und 'Star Wars' kannst du nicht vergleichen." Das Tollste am Dreh von "Star Wars", sagte er einmal, sei der Moment gewesen, als er sich einen Laserschwert-Griff aussuchen durfte.
   Fragt sich nur noch: Was bleibt Ewan nach dem Junkie, dem Jedi und Joyce? "Judas, Jesus und einige andere Leute, die mit J anfangen!", grinst er. Und führt alle Erwartungen ad absurdum: "Im Ernst: Eigentlich will ich ein Jahr nicht arbeiten, sondern endlich Französisch lernen, damit mich Klein-Clara ncit mehr an der Nase herumführt." Doch auch das ist, wie alles bei Ewan, alles andere als sicher: "Mal sehen, wie ich so drauf bin!" Und blinzelt verwegen: "Jetzt erst mal ein großes Bier!"