Vom Junkie ("Trainspotting") zum Jedi ("Star Wars") in einem Wimpernschlag - niemand hat so schnell Karriere gemacht wie der 26jährige Schotte. Völlig zu Recht, finden wir.1. Zehn Filme in zwei Jahren. Und trotzdem kein Idiot.Fadenscheiniger grauer Pulli, die Hose wie von Papi geerbt. Schnorrt als erstes eine Zigarette und entschuldigt sich in breitestem Schottisch für seinen Kater. Ist gestern mit den Kumpels abgestürzt, "foockin' sorrry". 2. Er ist der erste Megastar des 21. Jahrhunderts. Und das mit dem Gesicht. "Er ist nicht gerade Brad Pitt" wie Regisseur Danny Boyle sagt. Weiß Gott. Das aber hat den Vorteil, daß er überzeugend den charismatischen Junkie Renton im Kultfilm von 1996, "Trainspotting", spielen kann und im nächsten Moment die Rolle kriegt, für die jeder junge Schauspieler seine Oma erwürgen würde: Obi-Wan Kenobi in der heiß ersehnten Vorgeschichte zur "Star Wars"-Trilogie. Die drei neuen Filme kommen 1999, 2001 und 2003 raus und werden ihn automatisch zum Weltstar machen. Mit anderen Worten: tonnenweise Actionfiguren und McDonalds-Verpackungen mit dem Gesicht. 3. Aber halt: Er ist doch eher Schauspieler als Star. Bevor er die Rolle eines 19.-Jahurhundert-Dandys bekam, traf er sich mit dem Regisseur, der ihn besorgt fragte, ob er so was überhaupt spielen könne - es sei schließlich was ganz anderes als das Journalisten-Yuppieschwein aus seinem letzten Film. Er hat ihn nur fassungslos angeraunzt: "Ich bin Schauspieler, for foock's sake! Wovon redest du eigentlich?" Er kann einfach alles, for foock's sake: Leichenhallenwärter in "Nightwatch", holländischer Architekt aus dem 17. Jahrhundert ("Serpent's Kiss"), Iggy Pop-Verschnitt in "Velvet Goldmine", demnächst Börsendesperado Nick Leeson in "Rogue Trader" und jetzt der stoffelige Hausmeister in "Lebe Lieber Ungewöhnlich", einer kühn verunglückten romantischen Komödie um Liebe, Tod, Engel und Karaoke. Die natürlich trotzdem Pflicht ist, schon wegen der Traumpaarung McGregor/Cameron Diaz. 4. Er hat keine Angst, sich zu blamieren. Bester Beweis: seine Frisur in "Lebe Lieber Ungewöhnlich". Danny Boyle: "Das Tolle an Ewan ist, daß er keine Angst hat, richtig beschissen auszusehen. Oder etwas so Unmännliches wie nackte Angst zu spielen. Die meisten Schauspieler achten immer darauf, in einer Rolle gut wegzukommen." Ewan: "Ich verstehe nicht, wenn jemand keinen Waschlappen spielen will, aus Angst, selber als schwach zu gelten. Dann sollte man besser auf der Stelle mit dem Schauspielen aufhören." 5. Er macht seinen Job aus den richtigen Gründen "Wegen Onkel Denis. Der ist auch Schauspieler. Wenn er zu Besuch kam, trug er immer Schaffellwesten und Perlenketten und lief barfuß. Mit neun war mir klar, daß ich mal Schauspieler werde, auch wenn ich keine Ahnung hatte, was das war." 6. Er ist treu. Hat mit dem Team von "Kleine Morde unter Freunden" und "Trainspotting" (Regisseur Danny Boyle, Autor John Hodge und Produzent Andrew MacDonald) jetzt schon den dritten Film gedreht. Zusammen sind die vier für den englischen Film so was wie John, Paul, George und Ringo. Ewan: "Ich würde sofort alles andere absagen, wenn die Jungs mich für eine Rolle haben wollen." 7. Er ist sogar unglaublich treu. Hat mir 24 "die beste, schönste, intelligenteste Frau der Welt", die französische Filmdesignerin Eve Mavrakis, geheiratet und eine zweijährige Tochter, Clara, die ihn, wie er befürchtet, "ständig auf französisch verarscht, ohne daß ich ein Wort verstehe." 8. Und hat eine gefährlich große Klappe. Man muß ihm nur ein paar Stichworte hinwerfen, und er redet sich lustvoll um Kopf und Kragen. Über Los Angeles: "Eine Bullshit-Stadt. Jeder findet dich gaaanz toll, und du kannst niemandem glauben. Es ist ihnen sogar egal, ob du ihnen glaubst, verdammt!" Über Jim Carrey: "Unterirdisch. Ich möchte unbedingt mit ihm arbeiten, um ihn dann in jeder einzelnen Szene zusammenzuprügeln." Über "Independence Day": "Ich würde nie meine Seele beschmutzen mit so einem Mist." Und dann erzählt er noch, wie er bei den MTV Movie Awards einen Preis ausgerechnet an Will Smith für "Independence Day" übergeben mußte. "Der kam da mit zwei Schränken von Bodyguards an.... Ich sah mich schon mit eingetretenem Kopf auf dem Parkplatz liegen." Und? "Nichts. Er hat meine Interviews wohl nicht gelesen. Aber ich sollte mich vielleicht doch ein bißchen zusammenreißen." 9. Sentimentalität, Widersprüche und dieser ganze Quatsch. Wie gesagt: "Ich habe nichts gegen Hollywood-Filme. Mich stört nur die Tatsache, daß die Scheiße sind." Entschuldigung, Ewan, und "Star Wars"? Fassungslos: "Das ist doch nicht Hollywood, Mensch! Das ist George Lucas! Star Wars! Die Legende! Das ultimative Märchen! Die Lichtschwerter! Ich war sechs, als der erste 'Star Wars'-Film rauskam. Ich weiß noch, wie aufgeregt ich auf dem Weg ins Kino war. Meine Tochter wird auch sechs sein, wenn wir fertig sind. Foockin' luvly, no?" 10. Er hat ein bemerkenswertes... äh... Lichtschwert. Nicht die geringsten Probleme mit Nacktszenen. In Peter Greenaways jüngstem Film "Die Bettlektüre" ließ er seinen ganzen Körper inkl. Penis mit chinesischer Kalligraphie bemalen. "Ich hab's genossen, wenn ich ehrlich sein soll. Normalerweise wird man für sowas vehaftet, ich werde dafür bezahlt." Trotzdem hat er seine Eltern gewarnt, sich den Film nicht wie sonst zusammen mit ihren Freunden anzusehen: könnte peinlich werden. Ein paar Tage nach der Premiere kam ein begeistertes Fax seiner Eltern. Darunter stand: "PS: Freut mich zu sehen, daß Du einen meiner herausragendsten Vorzüge geerbt hast. Gruß, Dad." Meike Winnemuth |