Das Schottische KraftwerkEr ist noch nicht mal 30. Aber mit den Biografien, die es über ihn gibt, kann man schon ein Regalbrett füllen. Denn Ewan McGregor ist nicht nur der beste britische Schauspieler seiner Generation, sondern auch der interessanteste. Und der produktivste. In seinem 27. Film verwandelt er sich jetzt in den Dichter James Joyce. Verblüffend anders - aber wie immer richtig gut
Ernst wird er nur, wenn er spielt. Dann kann er sich neuerdings sogar ins Dramatische steigern. Aber sonst hat Ewan McGregor vor allem Spaß: "Ich bin heute so richtig gut in Form. Eine Frage, und ich werde nie mehr aufhören zu antworten", droht der 29-jährige Schotte über alle Maßen grinsend. "Ich fang am besten schon mal an. Also: Vor vier oder fünf Jahren bekam ich ein wirklich umwerfend gutes Skript geschickt. Richtig schmutzig und leidenschaftlich." Halt, bitte! Schön der Reihe nach. Wir reden von "Nora" (Start: 31.8.). Der neue Film mit Ewan McGregor erzählt die Liebesgeschichte des Dichters James Joyce und des Zimmermädchens Nora Barnecle [sic!]. Eine obsessive, gefährliche Leidenschaft, die sie aber nicht in den Abgrund reißt, weil Noras Humor sie immer wieder rettet. "Dieser Film ist das Gegenteil einer Hollywood-Romanze. Darin muss niemand vor Herzschmerz sterben. Und keiner ist einfach nur glücklich, weil ein Happyend her muss."
Ewan McGregor ist kaum zu stoppen. Er springt vom Sofa auf, rennt zum Tisch und macht sich eine Zigarettee an. Er redet ununterbrochen, ist staändig in Bewegung. Sein Kopf scheint zu voll zu sein, um alles für sich zu behalten. Wenn er dann doch mal für den Bruchteil einer Sekunde innehält, dann nur, um zum nächsten Gedankensprung anzusetzen. "Manchmal habe ich das Gefühl, dass das alles nur ein Traum ist." Dass er träume, hier in Berlin in einer schicken Hotelsuite zu sitzen. Gerade aus Australien zurück, wo er mit Regisseur Baz Luhrmann neben Nicole Kidman den Film "Moulin Rouge" - eine moderne Version von "Orpheus in der Unterwelt" - drehte. Und fast schon wieder auf dem Weg zum nächsten "Star Wars"-Set, um zum zweiten Mal der Jedi-Ritter Obi-Wan Kenobi zu sein. Ewan McGregor ist noch keine 30, und es gibt bereits zwölf Biografien über den Lehrersohn aus Crieff, der in England als Popstar und erstklassiger Charakterdarsteller gleichzeitig gefeiert wird. 27 Filme hat er in acht Jahren gedreht. Gleich nach der Schauspielschule bekam er das Angebot, in dem TV-Mehrteiler "Lippenstift am Kragen" die Hauptrolle zu spielen. Mit "Kleine Morde unter Freunden" begann die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Regisseur Danny Boyle. Zwei Jahre später drehten sie zusammen "Trainspotting" und wurden damit berühmt. Für Ewan McGregor folgten Kunstfilme wie "Die Bettlektüre" von Peter Greenaway, Popfilme wie "Velvet Goldmine", Herzensfilme wie "Brassed Off" oder "Little Voice." Und jetzt James Joyce. Was ihn daran interessiert hat? "Ich traf die Regisseurin Pat Murphy und die Schauspielerin Susan Lynch in Dublin. Und dachte, wir sprechen mal unverbindlich über den Film. Aber da war eine Fernsehkamera aufgebaut, eine Crew stand bereit. Und dann musste ich - völlig unvorbereitet - losspielen. Den ganzen Nachmittag, jede Szene, die es zwischen James Joyce und Nora Bernecle im Skript überhaupt gab. Von Stunde zu Stunde wurde uns allen klarer: Egal, was passiert, wir müssen diesen Film zusammen machen." Und wenn er etwas macht, dann richtig. Immer wieder entscheidet sich Ewan McGregor gegen Blockbusters und für kleine, bedeutungsvole Filme. Geld spielt keine Rolle. Große Namen auch nicht. Er ist Idealist. Und er riskiert etwas für seine Überzeugung. Darum hat er "Nora", nachdem alle Geldgeber abgesprungen waren, auch selbst produziert. Mit der eigenen Produktinsfimra Natural Nylon, die ihm zusamen mit seinen Freunden Jude Law, Sadie Frost, Jonny Lee Miller und Sean Pertwee gehört. Gemeinsam hatten sie sich viele Nächte durch die Londoner Pub-und Clubszene getrieben und sich irgendwann überlegt, dass sie ihr Schauspielerleben selbst in die Hand nehmen. Geschichten finden, Drehbücher suchen, Crews zusammenstellen und selbst produzieren. Also spricht Ewan McGregor jetzt auch als Produzent, wenn er sagt: "Ich liebe 'Nora' mehr als jeden anderen Film, den ich je gemacht habe. 'Nora' leidet nicht unter irgendeinem amerikanischen Einfluß. Darauf bin ich sehr stolz. Es geht nur um unser Spiel - pure, fucking, brilliant acting. Andere Filme brauchen kein Schauspiel mehr, die haben 400 Millionen Dollar oder so. Pat hatte nur ihr Skript und uns. Und sie hat an beides geglaubt." Die Rolle ist ernst, schwierig und nicht sehr jugendlich...? "Das stimmt. Aber ich bin jetzt als Schauspieler erwachsen und suche nach großen, komplexen Rollen. Außerdem kam mir die Geschichte so bekannt vor. So wie Nora und Joyce sich trafen, so ähnlich war das auch, als ich meine Frau Eve kennen lernte." Seit fünf Jahren sind die beiden verheiratet. Die in Frankreich geborene Produktionsdesignerin Eve Mavrakis lernte den noch unbekannten jungen Schauspieler am Set der TV-Serie "Kavanagh QC" kennen. Inzwischen haben die beiden eine vierjährige Tochter, Clara Mathilde. Die kleine Familie wohnt in einem idyllischen Haus im vornehmen Londoner Stadtteil St. John's Woods. "Die Begegnung mit Eve war wie in einem guten Film," sagt Ewan McGregor. "In der Sekunde, in der sich siezum erstem Mal sah, wusste ich: Wenn ich mi tihr zusammen sein könnte, würde das mein Leben verändern. Und Joyce wusste das auch, als er Nora sah. Ich musste viel über ihn nachdenken. Zuerst habe ich ihn nicht richtig verstanden. Es heißt ja, dass Joyce Szenen in seiner Ehe brutal inszeniert hat, um fortlaufenden Stoff für seine Literatur zu haben. Ich glaube eher, Nora und Joyce haben versucht, ihr Leben zusammen zu zelebrieren. Und er hat das dann in Literatur verwandelt." Ewan McGregors Gedanken über Joyce gehen noch weiter: "Wir können uns das doch gar nicht vorstellen: Jahrzehnte zu schreiben und nie veröffentlicht zu werden. Wenn mir jemand immer wieder sagen würde, dass ich ein mieser Schauspieler bin, würde ich es irgendwann glauben. Und es würde sicher nicht 20, sondern höchstens fünf Jahre dauern, bis ich am Ende wäre. Ich habe großen Respekt vor Joyce, vor seinem Glauben an sich selbst. Und ich habe Glück, dass keiner meine Arbeit lausig findet." Was ziemlich schlimm wäre. Denn es war Ewan McGregors Kindheitstraum, Schauspieler zu werden. "Wie mein Onkel Denis Lawson, der mal den X-Wing Piloten Wedge in 'Star Wars' spielte. Ich sah ihn bei meinem ersten Kinobesuch und war übewältigt. Außerdem verliebte ich mich in Prinzessin Leia und wollte unbedingt Jedi-Ritter werden. Ich habe meine Kindheit damit verbracht, mir das zu wünschen." Wenn Wünsche sich erfüllen, sind sie oft gar nicht mehr so wünschenswert, oder? "Doch", sagt er, ohne zu überlegen. Und ehrlicher kann man es nicht meinen. "Ich liebe meinen Beruf. Ich liebe es, wenn die Kamera läuft ich ich plötzlich jemand ganz anderes bin - das ist magisch. Es ist mehr als das normale Leben, denn du kriegst noch ein paar dazu. Menschen hoffen, durch nicht zu viele emotionale Dramen im Leben gehen zu müssen. Ich erledige das für sie. Mein Job ist es, mir welche zu suchen. Das ist wirklich aufregend. Und außerdem ist es ganz einfach fantstisch, an riesigen Plakaten vorbeizukommen und meinen Kopf darauf zu sehen. Ich habe immer gewusst, dass ich Schauspieler werde, aber nicht geglaubt, dass ich berühmt werde. Und jetzt bin ich beides - mehr Glück kann man kaum haben, oder?" Und genau das strahlt er aus: Glück, Energie, Begeisterung. Hollywood gefällt das und hätte gern mehr von ihm. Aber Ewan McGregor sträubt sich: "Ich hasse die respektlose Art, wie dort mit Menschen umgegangen wird. In Los Angeles geht es nicht darum, ein guter Schauspieler zu sein, es geht nur darum, ein Star zu werden. Viele werden darüber krank. River Phoenix ist sogar gestorben. Meine Agentin in London beschützt mich - auch vor mir selbst. Und sie verkauft mich nicht meistbietend", sagt er sicher und schraubt energisch einen kleinen "Underberg" auf, den er zum Bier trinkt. Am meisten enttäuscht ist Ewan McGregor von seinem Lieblingsregisseur Danny Boyle. Denn sogar der hat - nach drei gemeinsamen Filmen - vor Hollywood kapituliert. Ewan McGregor war so sicher, dass er die Hauptrolle in "The Beach" bekommen würde. Doch dann wurde Lonardo DiCaprio gecastet, weil er das größere Budget garantierten konnte. So funktioniert das System. Und er will einfach nicht dazugehören. War das auch der Grund, ein Angebot von Madonna auszuschlagen? "Erst gab es die Anfrage. Und dann ging es los. Sie wollten alle möglichen Papiere, Beurteilungen, schriftliche Beweise meines Könnens. Irgendwann fragte ich mich: 'Moment mal, wollte nicht Madonna was von mir? Was soll das Theater?' Ich bin Schauspieler. Ich will mit anderen Schauspielern zusammenarbeiten und ich bin glücklich, wenn das nette Menschen sind. Wenn man mit Madonna arbeitet, arbeitet man nicht mehr mit einem Menschen zusammen, sondern mit einer Firma. Das gefällt mir nicht." Da ist sie wieder, diese gelungene Kombination aus Spaßhaben und Ernstmeinen. Ewan McGregor ist ein vernünftiger Spinner. Einer, der mitten im Gespräch plötzlich aufspringt und übermutig einen Riesenpurzelbaum durch die Suite macht. Und was ist das jetzt für eine Rolle? "Der Mann, der nicht anhalten kann", lacht er und bleibt dabei auf dem Teppich sitzen. "Aber ich brauche jetzt wirklich mal eine Pause. Nach 'Star Wars' habe ich nun das allererste Mal, seit ich als Schauspieler arbeite, nichts zu tun. Ich glaube, ich werde in Ruhe mit meiner Tochter spielen. Ein bisschen Motorrad fahren, und wahrscheinlich wird auch der eine oder andere Pub von mir einen Besuch bekommen." Melanie Kunze |