In "Star Wars" spielte Ewan McGregor einen intergalaktischen Helden. Doch privat plagen den Schauspieler chronische Ängste. Jetzt zeigt er in dem Film "Nora" seine sensiblen Seiten - als Dichtergenie James Joyce.Der Mann kann nicht still sitzen. Ewan McGregor hampelt auf seinem Stuhl herum wie ein Suppenkasper und rollt dabei die Augen. Er hasst nichts so sehr wie Stillstand. Deshalb arbeitet er auch wie ein Besessener: In sechs Jahren hat er 20 Filme abgedreht. Aus dem unbekannten Schauspieler wurde innerhalb kurzer Zeit der schärfste Schotte seit Sean Connery. Und nun fühlt er sich wie Goethes Zauberlehrling: Die Geister, die er rief, wird er nicht mehr los. McGregor, der Macher, findet keine ruhige Minute mehr. Er ist ein Superstar, jeder erkennt ihn. Die Zeiten, in denen er in einem Pub unbemerkt sein Bier trinken konnte, sind vorbei. Definitiv. Nachdem der 29-jährige vor einem Jahr den Obi-Wan Kenobi in "Star Wars: Episode I - Die Dunkle Bedrohung" gespielt hatte, war es besonders schlimm. Wenn er seine vierjährige Tochter Clara in der Vorschule ablieferte, warteten bereits scharenweise Kinder in Star-Wars-Shirts auf ihn und bettelten um ein Autogramm. Dabei steckt in McGregor selbst noch der kleine Junge aus dem schottischen 5000-Seelen-Ort Crieff, 50 Kilometer nordwestlich von Edinburgh. "Nur weil mich alle kennen bin ich doch längst kein besserer Mensch," beteuert er und fuchtelt dabei besonders heftig mit den Armen. Ewan McGregor hat Angst. Angst vor zu viel Ruhm und Ehre: "Manchmal gerate ich in Panik. Ich frage mich, was ich geleistet habe, dass ich so viel Aufmerksamkeit bekomme." Regelrecht Albträme bereiten ihm solche Gedanken: "Dann sehe ich Ratten, die immer näher kommen und größer werden und mich langsam von den Füßen an auffressen. Wenn ich aufwache, bin ich schweißgebadet." McGregor fürchtet, die Bodenhaftung zu verlieren. Er möchte kein eingebildeter Sack werden wie so mancher Kollege. Als Gegenmittel verordnete er sich deshalb gelegentlich eine Auszeit vom großen Hollywood-Kino. Vor zwei Jahren zum Beispiel: Da hatte er nach drei großen Filmen dringend das Bedürftnis, mal wieder auf einer kleinen Bühne Theater zu spielen. Für einen Bruchteil seiner sonst üblichen Gage. Oder nach dem Hightech-Spektakel "Star Wars": Statt weiter auf Mega-Erfolge zu setzen, zog er es vor, in einer kleinen europäischen Produktion mitzuspielen, die jetzt in die Kinos kommt. "Nora" ist ein Film über die Beziehung zwischen dem irischen Schriftsteller James Joyce und dem Dienstmädchen Nora Barnacle. Über den Wahnsinn einer obsessiven und einer scheinbar ungleichen Liebe. Und über den ewigen Kampf zwischen Gefühl und Geist. "Das Genie von Joyce hat mich nicht so sehr interessiert wie die Geschichte der Frau, die ihn all die Jahre unterstützt und zu ihm gehalten hat," sagt McGregor. Für Ewan McGregor ist "Nora" nicht nur eine schauspielerische Herausforderung, zum erstem Mal ist er auch Produzent eines Films. Mit den Schauspielerkollegen Jonny Lee Miller, Jude Law, Sadie Frost und Sean Pertwee hat er vor zwei Jahren die Firma Natural Nylon gegründet. Der ungewöhnliche Name soll die Verbindung "New York" und "London" dokumentieren. "Und weil sich Nylon so synthetisch anhört, haben wir einfach "Natural" davorgesetzt," erzählt McGregor. Die Beteiligung an der Auswahl neuer Filmprojekte, die Förderung von Regietalenten ist eine von vielen Maßnamen gegen seine Albträume. Er will nicht länger nur ein kleines Rädchen in einer großen Maschinerie sein. "Normalerweise ist der Job eines Schauspielers schnell beendet: Man kommt ans Set, spricht drei Sätze und übergibt die Arbeit einem anderen. Als Produzent bin ich von Anfang an dabei und kann Einfluss nehmen." So entschied er sich, "Nora" ohne amerikanisches Geld zu finanzieren. Darauf ist McGregor besonders stolz. Mit Hollywood im Boot hätte der Film anders ausgesehen - da ist er sich sicher: "Die verstehen mich nicht. Ich will Filme mit Herz und Seele machen. In Hollywood interessiert nur, ob du ein Star bist, wie viel Geld der Film einspielt und was für dich dabei rausspringt." Natürlich ist auch ein McGregor froh, dass ihm die Schauspielerei ein recht luxuriöses Leben ermöglicht. Immerhin hat er sich gerade im noblen Londonder Stadtteil St. Johns Wood ein Haus geleistet. Aber in Hollywood, sagt er, muss man seine Seele verkaufen. Wenn McGregor über die Filmmetropole spricht, gerät er in Rage. "Ein Ort voller Scheiße," sagt er. "Da ist nichts echt. All diese gelifteten Geschöpfe Bei manchen sitzen die Ohren schon auf dem Hinterkopf." Dass er sich mit seinen Ansichten nicht gerade Freunde macht, störte McGregor noch nie. Er sagt, was er denkt, und wenn das jemandem nicht passt, hat er eben Pech gehabt. Mit Madonna zum Beispiel hat er es sich vollends verscherzt. Weil er ihr zu verstehen gab, dass er keine Lust habe, in einem ihrer "beknackten" Filme zu spielen. "Damit ich den Wunschvorstellungen dieser Dame entspreche, hätte mich erst mal ein Fitnesstrainer in Form bringen müssen. Nein, danke." Für "Star Wars" machte McGregor eine Ausnahme und unterschrieb gleich noch den Vertrag über zwei weitere Folgen - aus einem besonderen Grund: "Das ist ein Märchen, ein Mythos, ein Kindheitstraum," sagt er, und seine Augen leuchten, als habe man ihm gerade die lang ersehnte Eisenbahn geschenkt. Die jungenhafte Begeisterung hat viel mit seinem Onkel Denis Lawson zu tun. Der hatte in der ersten Folge des Sciencefiction-Spektakels eine Mini-Rolle und wurde damit für den sechsjährigen Ewan zum Helden. Denn Denis war schlichtweg der coolste Typ der Welt: Er trug afghanische Fellwesten, wohnte in London und wenn er mit seinem Cadillac in der schottischen Einöde vorfuhr, war sein kleiner Neffe hin und weg. Schon damals schwor sich McGregor: "Ich will Jedi-Ritter werden." Da der Knabe in der Schule mehr durch Ärger als durch gute Zeugnisse auffiel, gaben die Eltern, beide Lehrer, den Vorstellungen ihres Sohnes schließlich nach. Mit 16 Jahren war für ihn die Plackerei im Klassenzimmer vorbei, und er durfte zum Theater gehen - zunächst als Arbeiter hinter der Bühne. Zwei Jahre später zog er nach London, nahm Schauspielunterricht und bekam erste kleine Aufritte in unbedeutenden Fernsehserien. Dann entdeckte ihn Regisseur Danny Boyle für seine schwarze Komödie "Kleine Morde unter Freunden" (1994). Der Durchbruch gelang Ewan McGregor als Drogensüchtiger in dem Kultfilm "Trainspotting" (1995). Seine Charakterisierung eines ausgemergelten Junkies wirkte so echt, dass er lange als Aushängeschild der No-Future-Generation galt. Wahrhaftigkeit ist die Stärke des jungen Schotten. Immer geht er vollkommen in seiner Rolle auf. Man kauft ihm den Dandy mit Lockenperücke ab - neben Gwyneth Paltrow in "Emma" (1996), aber auch den Bisexuellen in "Bettlektüre" (1996), den Bergarbeiter und Klassenkämpfer in "Mit Pauken und Trompeten", den Mordverdächtigen in "Nachtwache" (1998) oder den Yuppie-Broker in "Rough [sic] Trader" (1999). Er denkt nicht lange über eine Rolle nach, er spielt sie einfach. Aus dem Bauch heraus. Auch in "Nora". "Natürlich habe ich den 'Ulysses' von James Joyce nicht gelesen," gibt er zu, "Endlossätze mit 40 000 Wörtern! Ich bin doch nicht verrückt." Stattdessen schaute er sich alte Fotoporträts des Dichters an und las die Briefe, die Joyce an Nora schrieb - Ergüsse voller pornografischer Anspielungen, die sogar McGregor rot werden ließen. "Stellen Sie sich mal vor, jemand würde die Liebesbriefe an meine Frau veröffentlichen. Ich würde ausflippen. Die gehen doch niemanden etwas an." Das sagt ausgerechnet McGregor, der bisher in jedem Film ohne Probleme sein männlichstes Teil in die Kamera gehalten hat. Doch während er auf der Leinwand alles zeigen kann, ist er mit Mitteilungen aus seinem Privatleben eher zurückhaltend. Wenn Reporter vor seinem Haus herumschnüffeln, kann der sonst so freundliche Kerl ungemütlich werden. Dabei hat er nichts zu verbergen. Von gelegentlichen Sauftouren durch die Gemeinde abgesehen, gibt es sowieso keine Skandale zu vermelden. Seit 1995 ist er mit der fünf Jahre älteren Eve Mavrakis verheiratet. Kennengelernt haben sie sich - wie viele Paare - bei der Arbeit. Als die Sprache dann noch auf seine Familie kommt, wird der unruhige Star auf einmal ganz still und nachdenklich: "Vor zwei Jahren hatte meine Tochter Meningitis und musste ins Krankenhaus. Dort lag sie - bewusstlos, mit Schläuchen in der Nase, das Gesicht grünlich verfärbt. Fast wäre sie gestorben. In solchen Momenten fragt man sich, was es bringt, dass alle Welt dich kennt." Christine Mortag |